Marion Gartner, Johnson & Johnson: Change Management ist die Mutter der Innovationsfähigkeit

Marion GartnerMarion Gartner ist seit 2015 Human Resources Leiterin für Johnson & Johnson Österreich und verantwortet in dieser Rolle die Personalagenden für alle Sektoren – Medizinprodukte, Pharma und Consumer. Davor war sie bei Deloitte Corporate Finance und Human Capital, im Banken- und Versicherungsbereich und letztlich bei Lenovo Technology in internationalen, strategischen HR Rollen tätig, zuletzt als verantwortliche HR Direktorin für Südeuropa und Israel. Ihre Kernexpertisen: Change Management und M&A Integration, Organisationsentwicklung & Talent Management, Performance- und Leadershipkultur. Im Interview erzählt sie von der endlosen Reise im Change Management, von blinden Flecken einer Organisation und davon, dass Dinge, die wirken, manchmal auch weh tun.

 

Tina Deutsch: Liebe Marion – „Change Management“ ist ein Begriff, der von verschiedenen Menschen sehr unterschiedlich gedeutet wird. Es gibt inzwischen auch im deutschsprachigen Raum eigene Bachelor- und Masterlehrgänge sowie vielerlei Forschung dazu – Du hast ja einst auch Deine Diplomarbeit dazu geschrieben. Jetzt bist Du seit Jahren in unterschiedlichsten Führungsrollen selbst für das Anleiten großer Veränderungsprozesse verantwortlich. Was bedeutet Change Management für Dich in der Praxis?

Marion Gartner: Die Gestaltung von Veränderungsprozessen ist als zentrale Managementaufgabe längst anerkannt und beschreibt die konstante Anpassung von Organisationen an das Marktumfeld bzw. an Dynamiken, die Wandel zweiter Ordnungen hervorbringen, also massive Diskontinuität erzeugen, wie beispielsweise Digitalisierung, gesättigte Märkte oder der Kampf um Talente und vieles mehr. Dennoch ist es erstaunlich, wie gering die organisationale und individuelle Change Management Kompetenz doch ausgeprägt ist.

Tina Deutsch: Worin siehst Du die Gründe dafür, wenn es doch so klar ist, dass diese Kompetenz so dringend gebraucht wird?

Marion Gartner: Zum einen widerspricht sie der Natur des Menschen, der meist in stabileren und nicht in sich ständig ändernden Verhältnissen aufgewachsen und sozialisiert ist. Es ist also nicht Teil der natürlichen menschlichen DNA und muss von der Pike auf gelernt werden. Zum anderen werden Change Prozesse heutzutage zunehmend komplexer und passieren in rasender Geschwindigkeit. Für die Praxis bedeutet das, dass Change Management zur Nummer eins Führungskompetenz geworden ist. Sie ist die Mutter der Innovationsfähigkeit – und, wie uns die Praxis eindeutig an Beispielen wie Kodak oder Nokia vor Augen geführt hat, der einzige Wettbewerbsvorteil, der noch Nachhaltigkeit hat.

Tina Deutsch: Du hast Dich in Change Prozessen immer wieder von Beratern begleiten lassen – warum?

Marion Gartner: Weil effektive Veränderungsleistung nur durch den Abgleich interner und externer Realitäten erfolgen kann. Die interne kennt man als Personalist sehr gut, aber die externe Sicht ist nun mal eine, die einem intern nie in derselben Qualität zur Verfügung stehen wird. Das ist wie der blinde Fleck im Johari Fenster, ein Teil von Persönlichkeits- und Verhaltensmerkmalen, der anderen bekannt und der internen Organisation unbekannt oder zumindest unangenehm ist. Es ist ganz gesund, sich diesen externen Spiegel regelmäßig vorhalten zu lassen.

Tina Deutsch: Wann fühlst Du Dich in diesem nicht immer einfachen Prozess von Beratern gut beraten – und wann nicht?

Marion Gartner: Immer dann, wenn auch der Berater Change Management als zielgerichtete und maßgeschneiderte Adaptionsleistung und nicht als Best Practice Produkt verstanden hat. Change Management hat keinen Anfang und kein Ende, sondern ist ein reiterativer Prozess, eine never ending story. Berater, die Change Management noch immer als konzeptionelles und modulares Programm entwickeln und ausrollen wollen, sind nicht mehr zeitgemäß und haben nicht erkannt, dass Veränderungsprozesse direkt mit und vielmehr durch den Kunden stattfinden müssen, wie das auch Methoden wie zum Beispiel der Design-Thinking Prozess zeigen. Ein guter Berater ist hier also Sparring Partner, Prozessbegleiter, Coach. Er bringt Ideen und Methoden ein, deckt blinde Flecken auf.

Tina Deutsch: Was möchtest Du all denen mitgeben, die sich in ähnlichen Situationen wiederfinden?

Marion Gartner: Change Management ist wie eine endlose Reise – der Weg ist das Ziel. Wichtig ist es vor allem, sich die Kräfte gut einzuteilen und nicht zu versuchen, einen Marathon im Sprinttempo zu laufen. Die optimalen Bedingungen für Veränderungen sind immer dann geschaffen, wenn es sich besonders chaotisch, risikoreich, anstrengend und vielleicht sogar stressig anfühlt. Dadurch weiß man, dass man den Status Quo genug herausgefordert hat, um die entsprechenden Strukturveränderungen einzuleiten. Das kann mal weh tun – aber es wirkt!

Tina Deutsch: Danke Dir für das Gespräch!